Von Stuttgart nach Cropredy 2005 mit dem Fahrrad

Tagebuch der kompletten Reise mit zahllosen Fotos.

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Als es sich bei Fairport’s Cropredy Festival 2004 abzeichnete, dass es eventuell das letzte sein könnte (aufgrund der bevorstehenden Scheidung von Dave und Christine Pegg), wettete ich mit ein paar Freunden, dass ich mit dem Fahrrad nach Cropredy kommen würde, falls es 2005 weitergeht. Das wurde dann auch schon im Spätherbst 2004 bekannt, und ich begann mit meinen Reiseplanungen. Ich bezog eine Spendenaktion zugunsten der „Sabine Dörges Stiftung für krebskranke Kinder und Jugendliche“ mit ein, an welche mein Sportverein TSV Grünbühl seit Jahren mit Einnahmen eines Fußballturniers für Kinder Spenden abführt. Nach einem einwöchigen Testlauf im Juni 2005, mit Fahrrad und Zelt an Nagold, Neckar und Donau entlang, ging es dann am 29.Juli 2005 los in Richtung England.

Die Ludwigsburger Kreiszeitung würdigte am 31.August meine Reise mit einem ausführlichen Artikel:

crop05_zeitungsartikel_klein1.Tag: Freitag, 29.Juli 2005

Stuttgart (Feuerbach) – Zuffenhausen – Stammheim – Markgröningen –  Unterriexingen – Oberriexingen – Vaihingen / Enz – Roßwag – Mühlhausen / Enz – Lomersheim – Mühlacker – Erlenbach – Ötisheim – Heidelsheim (64 km)

Abfahrt in Stuttgart – Feuerbach um 12.15 Uhr, nachdem ich  noch eine kurze Frühschicht bei der Telekom absolviert hatte. Verabschiedet wurde ich von meinem Chef (Standortleiter) und zahlreichen Kollegen. Er monierte, daß bei mir eine Schraube locker sei (am Sattel) und bestand darauf, ich solle sie festziehen. Am liebsten wäre er selbst mitgefahren. An den Sportplätzen in Stuttgart-Stammheim vorbei ging es unter der Autobahn A 81 hindurch. Kurz vor Möglingen auf dem Feldweg fragte mich jemand, wie er nach Münchingen kommt.

Ich erklärte es ihm, und dann entstand folgender Dialog:

„On, wo fahret Sie no ?“  –  „I bieg da vorne rechts ab Richtung England“„Ha noi?“„Ha doch!“ – „Dann guate Fahrt, on vergellt’s Gott !“

In Möglingen besuchte ich, wie versprochen, Frau Ilse Irmgard Dörges von der Sabine Dörges Stiftung für krebskranke Kinder und Jugendliche. Sie versorgte mich mit hilfreicher Verpflegung für unterwegs (Gummibärchen etc.) und … als besonderer Schutz mit einer St. Christophorus – Plakette. Das war eine besondere Geste für mich. Dann ließ sie uns noch von einem Nachbarn fotografieren.

crop05_20050729_001_klein Bei brütender Hitze ging es um 14.30 Uhr weiter.  Leider zog sich gegen 18.00 Uhr, als ich gerade den Ort Ötisheim im Enzkreis erreicht hatte, der Himmel im Umkreis von 50 Kilometern bedrohlich zusammen, und es begann zu blitzen und donnern. Ich hatte etwa 55 Kilometer hinter mir, und die nächsten sieben würden mich in Richtung Ölbronn sieben Kilometer lang durch Wiesen und Wald führen, ohne dass ein Ort in der Nähe wäre. Das war mir zu riskant, weil ich nirgendwo geschützt würde unterstehen können. So nahm ich notgedrungen die Lokalbahn bis Heidelsheim nahe Bruchsal. Dort wartete Holger Boes, einer der Trainer der Fußballer des TSV Grünbühl, auf mich. Es tobte ein heftiges Unwetter, als ich in Heidelsheim ankam. Ich mußte mich eine geschlagene Stunde unterstellen, denn es wütete ziemlich. Ich hatte keine Lust, irgendwann vom Blitz erschlagen zu werden. Als sich das Gewitter verzogen hatte, radelte ich die restlichen 5 Kilometer zum Gartenhaus außerhalb des Ortes, wo mich Holger mit Gegrilltem und Flüssigem empfing. Zuvor hatte es einige Probleme beim Finden des Häuschens gegeben. Es mußte einige Male telefoniert werden, wobei leider mein Handy, wie sich im Nachhinein herausstellte, nass geworden seinen Geist aufgab. Holger berichtete vom 1:0-Sieg unserer Fußballer gegen die SpVgg 07 Ludwigsburg, was mich sicherlich beflügelte. Spät am Abend verabschiedete er sich, da er Samstags zum Frühdienst antreten mußte. Danke, Holger !

2.Tag: Samstag, 30.Juli 2005:

Heidelsheim – Bruchsal – Forst – Hambrücken – Wiesental – Schloß Eremitage – rechtes Rheinufer: Neulußheim – Altlußheim – Ketsch – Rheinau – Mannheim –  linkes Rheinufer: Ludwigshafen – Friesenheim – Oppau – Worms (102 km)

Der Onkel von Holger kam morgens und frühstückte mit mir. Ich hatte gut geschlafen, mußte aber die ganze Nacht die Kerze anlassen, da es doch etwas unheimlich so weit draußen ist. Das Wetter am Samstag war ideal – trocken, nicht zu warm, und kein Wind. In Waghäusel-Wiesental entdeckte ich einen unten fotografisch abgebildeten Namensvetter in Gestalt eines Zeitungsladens. Auch die Kirche von Hambrücken lichtete ich, wie zu sehen, ab. Bei Ketsch erreichte ich erstmals den Rhein, wenn es auch nur ein „Rheinarm“ war. Bereits nach 2 1/2 Stunden hatte ich 50 Kilometer hinter mir und war kurz vor Mannheim. Leider fand ich kein geöffnetes Lokal, um irgendwo einen gesunden Salatteller zu essen. So mußte es ein fettiger Leberkäs an einem Truckstop sein.  Dann kam die Odyssee durch Mannheim. Es gab keine vernünftige Radwegbeschilderung (ansonsten auf der gesamten Tour vorbildlich) und überall Kreuzungen, an denen sich gefühlt 8 verschiedene Straßen treffen. Kurzum: ich fuhr um 13.45 Uhr nach Mannheim hinein und war um 15.30 Uhr draußen, nachdem ich zweimal das schwere Rad hatte eine steile Treppe hinauf tragen müssen.  Immerhin hat mich diese Odyssee ungewollt an der noch nicht ganz fertiggestellten neuen SAP-Arena vorbeigeführt (bewacht von drei Störchen). Trotzdem bleibt mir Mannheim in unangenehmer Erinnerung.

Über die Konrad Adenauer Brücke ging es von Mannheim hinüber nach Ludwigshafen. Dort führte der Rheinradweg etwa 20 Minuten lang immer entlang der Umzäunung des Großkonzerns BASF. Nach 102 Kilometern kam ich glücklich in Worms an. Ich fotografierte noch schnell die berühmte Nibelungenbrücke und versuchte an einem Imbiss vergeblich mein Handy aufzuladen. Es war vom Regenguss am Tag zuvor hinüber. Freundin Ulla, die schon seit langem, u.a. als Helferin beim Merchandising und der Organistaion für Jethro Tull und Fairport Convention aktiv ist,  die mir für heute nacht eine Schlafstatt gewährte, ging mit mir in die Stadt gemütlich essen. Danach begab ich mich ins Internetcafe, um meinen Tagesbericht zu schreiben, und per E-Mail zu verschicken. Den setzte während meiner gesamten Tour Armin Klostermann, Geschäftsführer des TSV Grünbühl, dann immer gleich auf die Homepage des Vereins. Zum Abschluß des Abends tranken wir einen (vielleicht auch zwei) schmackhaften trockenen Grauburgunder und sahen uns ein Jethro Tull Video an.

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3.Tag: Sonntag, 31.Juli 2005

linkes Rheinufer: Worms – Osthofen – Alsheim – Nierstein – Nackenheim – Laubenheim  Mainz – Budenheim  Heidenfahrt – Ingelheim – Gaulsheim – Kempten

Gut gefrühstückt und einen wunderbaren Cappuccino getrunken ging es am Sonntag um 10.15 Uhr los. Ich kam am Eleonorengymnasium vorbei, wo Ulla unterrichtet. Hinter Worms mußte ich gleich wieder einen ziemlichen Umweg hinnehmen, da an einer Kreuzung, wo es links weiter gegangen wäre, keine Beschilderung war. Da aber der Wind bei sonnigem Wetter überwiegend von hinten blies, fuhr ich zügig durch zahlreiche bekannte Weinorte wie Alsheim, Guntersblum, Oppenheim etc. Dann war plötzlich, kurz vor Mettenheim, der Radweg durch eine riesige Baustelle unterbrochen, wo ich über einen ein Meter hohen Absatz hätte klettern müssen. Andere schafften das, aber ich hatte keine Lust, da mein Rad inklusive Gepäck doch sehr schwer war. Also fuhr ich rechts ab zur B9, dann an dieser entang und hatte somit einen kleinen Umweg gemacht. Weiter ging’s weinselig durch Nierstein und Nackenheim bis Mainz, wo ich mir direkt am Rhein an einem Kiosk einen erfrischenden Obstsalat gönnte. 

Der Brunnen direkt neben der Kirche in Guntersblum war ebenfalls eine willkommene Erfrischung gewesen. Hinter Mainz (es war 15:30 Uhr) ging es westwärts. Am gegenüberliegenden Rheinufer wachsen an Südhängen die berühmten Weine des Rheingaus. Da der Wind ziemlich böig genau aus Westen kam, fuhr ich einen schlechten Schnitt. Aber das machte nichts, ich hatte es ja nicht eilig. Außerdem war von jetzt an ausnahmsweise kaum noch Beschilderung. Plötzlich stand ich auf einer Landzunge am Rhein und mußte 5 Kilometer zurückfahren (wenigstens jetzt mit dem Wind im Rücken). Dann gab es eine Umleitung, die mich ein paar Kilometer lang an der Autobahn entlang führte. Grauenhaft !  Als ich durch Ingelheim kam, wo gerade ein Rummelplatz stationiert war, wußte ich, es bald geschafft zu haben. Durch Gaulsheim hindurch kam ich nach 96 km in Kempten am Rhein an, wo der angepeilte Campingplatz „Bauer“ direkt am Ufer liegt. Herrlich der Ausblick hinüber nach Rüdesheim ! Bis spät abends bin ich draußen gehockt, habe den Schiffen nachgeschaut und den schönen Blick über den Rhein genossen. Es gab leider kein öffentliches Telefon, aber ich durfte von der Küche des angegliederten Kioskrestaurants aus telefonieren, um zuhause Bericht zu erstatten. Die Übernachtung am Zeltplatz kostet 6,60 EUR. Es wurde zwar bedrohlich stürmisch, aber der Wirt beruhigte mich: „Mir kriecha emmr bloß dr Wind ab“. Und tatsächlich, außer ein paar Regentropfen war nichts. Ich unterhielt ich mich mit einem Belgier und einem Holländer. Sie waren mit dem Rad unterwegs nach Rom und gaben mir Tipps für den belgischen Teil meiner Route. Gefahrene Strecke an diesem Tag: 98 km 

4.Tag:  Montag, 1.August 2005

linkes Rheinufer (left side of Rhine):  Kempten – Bingen – Niederheimbach – Bacharach – Oberwesel – St. Goar – Bad Salzig – Boppard – Spay – Rhens – Stolzenfels – Koblenz

Am Montag fuhr ich erst gegen Mittag von Bingen aus weiter, nachdem ich zuvor im Internetcafe gewesen war, Bericht zu erstatten. Der Streckenabschnitt bis Koblenz war der bis dahin landschaftlich schönste meiner Reise. Das rheinische Schiefergebirge engt hier den Rhein immer mehr ein, und kurz vor St.Goar an der Loreley ist „Vater Rhein“ nur 113 Meter breit. Von Bingen aus waren es 30 Kilometer bis dahin. Auf dem Weg bis dahin fährt man unterhalb zahlreicher Burgen vorbei. Zwischendurch, bei Trechtingshausen, lädt sogar ein Sandstrand zum Bade. Am Uferhang bot sich durch voll hängende Brombeersträuche die Gelegenheit zu einer süssen Zwischenmahlzeit. Brombeeren begleiteten mich überhaupt während meiner ganzen Reise. In Niederheimbach kann man die Hochwasserstände im Laufe der letzten beiden Jahrhunderte ablesen. Gleich daneben befindet sich, wie unten abgelichtet, ein Grab ganz besonderer Art. Einen sanften Nieselregen empfand ich eher als Erfrischung, musste aber mein Gepäck durch Plastik schützen. Ein netter Radler-Kollege lichtete mich dann bei wieder trockenem Wetter mit Blick auf den berühmten Felsen ab (siehe Foto !).  So richtig beeindruckt war ich von der Loreley allerdings nicht. Ein berühmter Felsen mit Legende halt ! In Bad Salzig machte ich im Gras unterhalb der Kaimauer des Rheins einen kleinen Mittagsschlaf, und ausgerechnet, als ich weiterfahren wollte regnete es eine Viertelstunde lang stark, und ich stellte mich unter eine Brücke. In Boppard kam dann die Sonne wieder raus, und ich stärkte mich mit einer leckeren Gulaschsuppe. Nach 73 Kilometern erreichte ich Koblenz, von wo aus das Rheinufer wieder sehr ausladend und eben wird. Es gab eine kurze Schrecksekunde, denn ich ließ an einer Telefonzelle meinen Rucksack stehen. Zum Glück stand er ein paar Minuten später immer noch da. Witzigerweise lief in einem irischen Pub, wo ich im Garten in der Sonne sitzend kurz was trank und meine heutige Gastgeberin anrief, das Instrumentalmedley „Lark in the morning“, welches Fairport Convention als Konzertauftakt gespielt hatten, als ich sie am 25.März 1991 in Schongau zum ersten Mal in meinem Leben live gesehen hatte. Das war ganz klar ein symbolischer Wink: jetzt wußte ich, wo’s lang geht. Elke, eine nette Freundin von Ulla, hatte für lecker italienisch gekocht.  Ich revanchierte mich mit der Installation ihres neuen Druckers, und wir plauderten bis spät abends.

5.Tag: Dienstag, 2.August 2005

linkes Rheinufer: Koblenz – Lützel – Neuendorf – Kesselheim – St. Sebastian – Kaltenengers – Urmitz – Weißenthurm – Andernach Namedy – Brohl Lützing – Bad Breisig – Kripp – Remagen – Bandorf – Oberwinter – Rolandseck – Rolandswerth – Mehlem – Bad Godesberg 

Am Dienstag machten wir mit dem Rad eine kleine Rundfahrt durch Koblenz, u.a. zum berühmten „Deutschen Eck“, wo die Mosel in den Rhein fließt. Leider versagte an diesem Vormittag meine Kamera. Nach der Verabschiedung hatte ich Elke davon überzeugt, wieder öfter mal Rad zu fahren. Es ging nun Richtung Bad Godesberg, und dieser Teil der Strecke war bis Andernach eher unattraktiv – sehr viel Industriegebiet etc. Hinter Andernach wurde es dann wieder grün, und es gibt nette Orte wie Namedy, und bei Kripp die sehr beschauliche, vollkommen naturelassene Mündung der Ahr in den Rhein (siehe Foto !).  Gegenüber liegt Linz. Für diese Jahreszeit unüblich blies mir nun nordwestlicher Wind entgegen, und ständig pfiff ich Bob Segers „Against the wind“ vor mich hin. In Remagen bewunderte ich die Überreste der historischen Brücke.  Bad Godesberg erreichte ich nach 70 Kilometern. Ich wurde in der Zentrale meines Arbeitgebers, Vivento Customer Services (eine Telekom-Tochter), freundlich mit Getränken und kleinen Snacks empfangen.  Symbolisch wurde mir ein überdimensionaler Scheck für die Sabine Dörges-Stiftung überreicht. Drei Herren aus der Chefetage und eine Sekretärin (die übrigens aus Bietigheim stammt) plauderten ziemlich lange und interessiert mit mir über meine Fahrt,  und natürlich auch über die Arbeit. Dann durfte ich im Hotel Kaiserhof einchecken. Sehr angenehm ! In einer Kneipe sah ich das Freundschaftsspiel Schalke 04 gegen VfB Stuttgart, und Kevin Kuranyi erhielt für ein gemeines Foul einen Platzverweis. 

6.Tag:  Mittwoch, 3.August 2005

Bad Godesberg – Bonn – Bornheim – Hemmerich – Bliesheim  – Lechenich – (Kaiserradweg) – Pingsheim  Nörvenich – Düren – Gürzenich – Schlich – Langerwehe – Weisweiler – Eschweiler 

Grünbühler Pressewart besucht Hemmerich, Weisweiler und Eschweiler

Hab ich heute um 10 Kilometer gemogelt, oder nicht? Entscheidet nachher selbst, ob ja oder nein. Gut ausgeschlafen stand ich um 7.30 Uhr aus dem bequemen Hotelbett auf und frühstückte ausgiebig. Für ein Vesper zusammenstellen reichte es auch noch. Nachdem ich in einem Fotoladen meine ersten Fotos auf CD abspeichern liess, ging es zügig, immer an der Bahn entlang, aus Bad Godesberg durch Bonn. In dem Ort Bornheim westlich von Bonn entdeckte ich ein interessantes Hinweisschild und bog links ab. Einen Kilometer lang ging es mit 10%-iger Steigung nach oben. Aber es lohnte sich: Es war 11.40 Uhr und Gesamtkilometerstand 432. 

Hiermit also ein spezieller Gruss an Claus Hemmerich, lange Jahre 1.Vorsitzender des TSV Grünbühl, und vor 20 Jahren, als ich dort mit der Pressearbeit anfing, Fußballabteilungsleiter und Mitinitiator für die Gründung unserer Vereinszeitung „sport info“. Oben im Ort Hemmerich gab es dann auch noch eine Burgruine zu bewundern. Und dann ging es über die Felder herrlich bergab. Aber irgendeine Abzweigung war nicht beschildert gewesen. Ich versandete am Ende eines holprigen Reitwegs.  Es hieß, einen Kilometer zurück zu fahren. An einer Kreuzung von 4 Wegen studierte ich die Karte. Da kamen vier ältere Herren auf teuren Rennrädern, und gekleidet in den besten Fahrradklamotten, angedüst. Aber statt anzuhalten, und mir ortskundige Hilfe anzubieten, riefen sie mir nur zu (in breitestem Kölsch): „Do hinne joht’s zom Kölner Dom“ – und brausten vorbei. Wenn das kölscher Humor ist, dann danke … !!!  Ich entschied mich intuitiv für eine Richtung, bergab an einer riesigen Sandgrube vorbei, und es stellte sich glücklicherweise heraus, daß ich hierdurch sogar ziemlich abgekürzt hatte. Ich landete in Bliesheim, und ab Lechenich hatte ich dann wieder permanent Westwind gegen mich. Warum ich mir hier statt flacher Strecke lieber Berg und Tal gewünscht haette, erfahrt Ihr später im Bericht vom 7.Tag. Jedenfalls fuhr ich jetzt einen ziemlich schlechten Schnitt von 12, 13 Kilometern. In Düren genehmigte ich mir frische Erdbeeren mit Mascarpone. Um 17.45 Uhr, bei Kilometerstand 493, passierte ich das Ortsschild „Weisweiler„, und wenige Minuten später „Eschweiler„.  Es war aber nicht das übliche Schild, zwar die gleiche Größe, aber weisser Hintergrund. Und darauf stand geschrieben:  „ESCHWEILER hat keinen Platz für Rassismus“ – ein offizielles Schild – es gab kein anderes. 

Als ich schon fast ortsauswärts fuhr, kamen heftige Sturmböen auf. Es schmiss mich fast vom Rad. Ich hatte noch 10,12 Kilometer vor mir und beschloss abzuwarten. Dann fing es an zu giessen. Ich entschied mich, den Rest mit dem Zug zu fahren. Meine Gastgeber in Herzogenrath (bei Aachen), die Eltern eines Fairport Kumpels, Ralf Nowak, der selbst leider in Urlaub war, warteten auf mich. Beide sind mittlerweile leider verstorben, und mein Bericht ist somit auch ihnen gewidmet. Ich fragte einen jungen Typen Marke „Hey, was geht?“, wo der Bahnhof sei.  Er fragte, wohin und schickte mich zum Hauptbahnhof Eschweiler (das Wort erwies sich als übertrieben). Der lag oben auf einem Berg, und ich kam schwitzend und nass an. Ich hatte Glück, denn in zehn Minuten würde ein Zug fahren, der in Herzogenrath hält. Als er bereits 15 Minuten überfällig war (mittlerweile war es 19.00 Uhr), schaute ich mir den Fahrplan noch einmal genau an. Da war bei der Abfahrtszeit ein kleines Sternchen. Ganz unten entschlüsselte ich dieses, und es stand erklärt: „März bis Oktober, Sonntags“.  Also bei uns im Schwobaländle ist in so einem Fall ein Kreuz auf dem Fahrplan.  Ein anderer Reisender erklärte mir, die Züge führen vom „Talbahnhof“, und das ist genau dort in der Nähe, von wo mich der blöde Affe zum Hauptbahnhof geschickt hatte. Zu allem Unglück fuhr, als ich dort wieder ankam, gerade ein Zug ab. Halbe Stunde warten ! Ich genehmigte mir ein kleines Bierchen in einer kleinen Kneipe und rief meine Gastgeber an. 
In Herzogenrath angekommen, studierte ich den Stadtplan bezüglich der anzusteuernden Adresse.  Katatstrophe: ich hätte bereits in „Kohlscheid“, einem Stadtteil von Herzogenrath aussteigen müssen. Meine Gastgeber wußten nicht, daß der Zug dort hält, und hatten mich demzufolge am Telefon auch nicht darauf hingewiesen. Nun hieß es, 6 Kilometer Berg und Tal zurück zu fahren, auf einem schmalen Weg teilweise durch den Wald. Glücklich kam ich um 21.00 Uhr nach 102 gefahrenen Kilometern an und wurde mit Wurstpfanne, kalter Platte, Bier und Genever bestens versorgt. Ich durfte in dem Zimmer schlafen, wo mein Bekannter Ralf groß geworden war. Ich habe ihn noch nie persönlich getroffen, aber durch eine Fotografie, die mir seine Mutter zeigte, wußte ich jetzt, wie er aussieht. Als Gastgeschenk hatte ich ein Dinkelacker Bierglas von der Fußball WM 74 mitgebracht. Ich hatte an diesem Abend bereits 509 Kilometer Gesamtstrecke hinter mir.

7.Tag: Donnerstag, 4.August 2005
Herzogenrath – Kerkrade – Maastricht – Tongeren – St. Truiden – Tienen – Leuven

Frau Nowak fuhr mit mir mit dem Rad bis zur Hauptstrasse mit, nachdem ich zuvor gut gefrühstückt, und mir Vesperbrote gemacht hatte. In der Sparkasse zahlte ich die 500 EURO für die Sabine Doerges Stiftung ein, die mir in Bad Godesberg gegeben worden waren. Über Kerkrade ging es durch Maastricht, und nach Belgien. Von jetzt an immer auf Radwegen entlang der Hauptstrasse. Das hat einen Vorteil: Man kann sich nicht verfahren. Mit Tongeren erreichte ich die älteste Stadt Belgiens. Dort machte ich 45 Minuten Pause und genehmigte mir eine leckere Brüsseler Waffel mit frischen Früchten. In St. Truiden durfte ich gratis online gehen in der öffentlichen Bibliothek und schrieb mein Tagebuch weiter. 

Auch heute blies mir der Wind entgegen. Aber das war nicht so schlimm, denn es ging abwechselnd leicht bergan, und dann wieder bergab. Bergauf merkt man den Wind nicht so sehr wie auf flacher Strecke. Und durch die kleinen Gänge war das wenig Stress. Und bergab rollte es auch bei Gegenwind sehr gut.  Ich erreichte Leuven, mein heutiges vermeintliches Ziel, gegen 18.15 Uhr und steuerte einen der auf der Karte eingezeichneten Campingplätze an. Aber ich fuhr ziemlich lange herum, dann fragte ich ein paar Leute. Endlich fand ich zwei ältere Herren, die vorausfuhren und mir den Weg zeigten. Leider stellte sich heraus, dass es den Platz, an der Abtei im Stadtteil  Kessel Lo, nicht mehr gibt. Also fuhr ich ans andere Ende von Leuven. Da war noch einer. Nach erneuter Nachfrage kam ich an die Abzweigung, die dorthin führte. An der Ecke war das gemütliche Lokal „Cafe Tabor“.  Dort fragte ich zur Sicherheit nach. Der Wirt sagte mir, auch dieser Zeltplatz sei geschlossen. Vollkommen frustriert  bestellte ich ein kleines Bier und rauchte eine Zigarette. Er sagte mir, ein paar Kilometer weiter seien drei Campingplätze. Ich sagte zur Bedienung, ich wolle zahlen. Sie sagte sowas ähnliches wie „1,20“, oder so.  Ich erwiderte: „2“. Und was geschah? Sie brachte mir noch ein Glas und gab mir auf zwei Glas das passende Geld heraus. Ich radelte bei einsetzender Dunkelheit weiter, leider wieder Berg und Tal.  Etwa um halb Zehn erreichte ich „Camping Bergeland“ in Loonbeek. Die alte Dame, die wohl die Besitzerin des Geländes war, begrüsste mich mßstrauisch, und das einzige , was sie herausbrachte, war: „Es ist schon spät“ und „8 Oero“. Dann zeigte sie mir, per  herumgefuchtelter Hand, wo ich zelten könne. Ich baute auf, kaufte einem Caravan Nachbarn zwei Fläschchen  Pils ab, genoss diese und schlief nach 115 Kilometern (mein bisheriger Rekord) selig ein.

8.Tag:  Freitag, 5.August 2005
Leuven – Brüssel – Asse – Aalst – Gent 

Um 7.00 Uhr war ich fit, machte mich fertig und radelte, bekleidet mit der Trainingsjacke des TSV Grünbühl, los. Es war kühl und wolkig. In Overijsse, nach etwa 10 Kilometern, frühstückte ich im „Koffiehuis aan de Ijsse“ ungewöhnlich. Zu einem Cappuccino für 2 EURO gab es, auf einem kleinen Tablett nett angerichtet, eine Waffel aus dem Waffeleisen extra, ein Sahnehäubchen extra, und …… einen Eierlikör !!! Dazu ein Riesenbaguette mit Ei für 2,20. Natürlich trank ich einen zweiten Cappuccino. Zur Strafe ging es anschließend rechts ab auf die N4 Richtung Brüssel eineinhalb Kilometer bergauf auf schmaler Strasse durch das nette Städtchen Overijsse. Dann aber ging es rasant weiter. Die N4 vereinigt sich mit der A4, und 3 Kilometer auf einem Radweg die Autobahn entlang bergab, das war echt ein Höhepunkt. 

In Brüssel angekommen machte ich ein paar Fotos, und dann schrieb ich meinen Bericht in einem Internetcafe, wo ich für 1 1/2 Stunden nur 2 EURO bezahlte. Um halb Zwei verliess ich dieses, und es kam stürmischer Wind auf. Es wehte meine Fairport-Mütze davon, und ich musste sie einfangen mitten im Grosstadtverkehr. In einem Imbiss stärkte ich mich, und dann suchte ich bei permanentem Nieselregen, der mich fortan drei Stunden begleitete, den Ausgang aus Brüssel. Überall stand nur „Ring“ und „andere Richtingen“. Ich wusste ungefähr, wo Westen ist, und landete auch irgendwann an der Ausfallstrasse, der N9. Plötzlich befand ich mich auf einer vierspurigen, autobahnähnlichen Strasse und wurde angehupt. Also nächste Ausfahrt raus und über die Dörfer, alle paar Kilometer die Landkarte gezückt, und das alles bei Dauerregen. So kam ich also durch „legendäre“ Orte wie Relegem, Wommel, Brussegem, Merchtem, Droeshout und Baardegem, wo ich eine halbe Stunde Pause machte, weil es wie aus Eimern goß.

So war ich um halb Sieben in Aalst, wo ich normalerweise um 5 angekommen wäre. Nachdem ich zwischendurch bis auf die Haut nass geworden war,  beschloß ich, heute den Rest mit dem Zug zu fahren, denn auch die N9 von Aalst nach Gent ist für Fahrräder nicht befahrbar, und es wäre über Umwege doppelt so weit gewesen. Bevor der nächste Zug kam, stärkte ich mich in einem Irish Pub. Der Wirt erlaubte mir zu telefonieren und verlangte kein Geld dafür. Ich erreichte Eric, meinen heutigen Gastgeber, der mit seinen Fußballjungs von Polyfoot Gent schon einige Male in Grünbühl bei unserem internationalen Turnier mitgemacht hatte, telefonisch, und er holte mich am Bahnhof ab. Seine Freundin Anouk hatte toll gekocht, und ihr Sohn Youri war auch dabei. Nach nettem Plaudern ging es gegen Mitternacht ins Bett. Eric hatte ein altes Handy für mich, sodaß ich fortan wieder telefonisch erreichbar war. Nur SMS schreiben war problematisch, da das Display ziemlich defekt war.

9.Tag: Samstag, 6.August 2005
Gent – Deinze – Tielt – Lichtervelde – Diksmuide – Hondschoote (Frankreich), Camping 

Eric ist doch nicht mit mir mitgefahren, und die Abfahrt verzögerte sich bis gegen Mittag, weil er sich nachts wohl verlaufen hatte. Mein Fahrrad war in seiner Garage eingeschlossen. Die Fahrt von Gent Richtung Frankreich war – was auch sonst – von viel Gegenwind geprägt, aber es blieb den ganzen Tag trocken. In Deinze kam ich an einem sehr schönen alten Schloss vorbei, das jetzt ein Restaurant und Hotel ist. In Pittem entdeckte ich einen „Kapsalon Jose“ (Friseur) in einem sehenswerten Haus. Gruss an Jose !  Weitere schöne Fotoobjekte kamen mir in Koolskamp und Lichtervelde (Kirchen und eine Fankneipe für den belgischen Erstligisten Roeselare). Bei ALDI in Lichtervelde habe ich mich mit Getränken und Vesper eingedeckt. In Diksmuide angekommen entschloss ich mich, an dem idyllischen Flüsschen Ijzer entlang zu fahren. Mittlerweile war es windstill und sonnig. Begleitet von der rechts neben mir langsam untergehenden Sonne genoss ich die Ruhe und fuhr sogar weiter, als ich musste (also einen Umweg). Ich kam an entlegenen Bauernhöfen vorbei, wo ein eventueller Urlaub sicherlich mit Entspannung und Ruhe verbunden sein muss. Die einzigen Geräusche, die man hörte, waren die von Tieren.  Auf einer Weide kamen mir sogar Lamas zu Gesicht. Unglaublich !  Kurz vor Sonnenuntergang fuhr ich über die Grenze nach Frankreich, und kam in dem gar nicht französisch klingenden Ort Hondschoote (Partnerstadt von Osterburken) auf den sehr lebhaften Campingplatz. Da lief gerade eine Open Air Party mit DJ. Leider war die Party vorbei, bis mein Zelt aufgebaut war, und ich mich frisch gemacht hatte. Für zwei Gläschen trockenen Weisswein an der Bar reichte es aber noch. Ein Mitcamper liess es sich nicht nehmen, mich zu einem weiteren einzuladen. Er erzählte mir, er sei 1969 in Weimar gewesen, aber Politik sei unwichtig. Gesamtkilometerstand am Ende dieses Tages: 800 km. 

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