Cropredy 2001
Musafir? – No!  Musa not fir!
Cropredy ist und bleibt großartig

(ein Bericht von „Forever Young“ Walter Heger)


Cropredy - Festival der schönen Menschen

Bei ungemütlichem Wetter mit zwischenzeitlichen Regenschauern ging es am Montagabend vor dem Festival von Stuttgart
über Karlsruhe, durch den Pfälzer Wald, Luxemburg (billig tanken und Zigaretten kaufen), Belgien (beleuchtete Autobahnen)
und Frankreichs Departement „Nord“ bis Calais – insgesamt 730 Kilometer. Nach einer unruhigen Überfahrt mit
ungewöhnlichem Frühstück  -  Boddingtons, Spiegeleier auf Toast und Baked Beans als lukullische Einstimmung auf
England -  begrüßte uns am Dienstagmorgen ein sonniges Südost-England. Mein Freund und Kollege Roland und ich steuerten
zunächst Lichfield nahe Birmingham an, eine Stadt, die übrigens auch in Fairports „Knights of the road“ Erwähnung findet.
Dort besuchten wir quasi als „Warm-Up“ Freund Paul Smith, vielen Musikfans wohl als zuverlässiger Soundtechniker der
Albion Band, Sally Barkers und anderer in deutschland aufgetretener englischer Acts bekannt. Paul ist ein großer Kenner
der Musikszene und weiß außerdem, wo die besten Pubs sind. Eins davon ist das „Queens Head“ in Lichfield, wo auch
die Fairporter schon das eine oder andere Getränk zu sich genommen haben. Dort gibt es eines der besten Bitter-Biere
Englands – „Timothy Taylor“. Für ein Pint (0,57 l) bezahlt man 1,80 Pfund, knapp sechs Mark. Außerdem ist die
Käsetheke allein schon den Besuch des Lokals wert. Paul unterhielt uns ständig mit Beiträgen aus seinem Witz-Repertoire.
Beispiele gefällig:

„In Australien ließ sich ein Ehepaar im Alter von 90 Jahren scheiden. Befragt, warum das nach über 60 Jahren Ehe noch
möglich sei, antworteten die beiden, sie hätten sich schon vor 50 Jahren trennen wollen, aus Rücksicht auf die Kinder aber
darauf verzichtet. Erst jetzt, wo letztere verstorben seien, hätten sie sich guten Gewissens zu diesem Schritt durchringen können.“

„Eine Engländerin ist mit ihrem Auto in Deutschland unterwegs und hat eine Reifenpanne. Mühsam stellt sie sich mit Hilfe eines
Wörterbuchs einen deutschen Text zusammen, um dem Automechaniker ihr Problem klar zu machen. Dieser liest den ihm
überreichten Zettel und fragt dann in perfektem Englisch: ‚Why do you tell me you got a rubber appartment?“
(‚flat tyre’ falsch übersetzt)

„Weißt Du, was es bedeutet, auf dem großen weißen Telefon ein Gespräch mit Gott zu führen? Wenn Dir nämlich speiübel ist,
kniest Du vor dem Spuckbecken nieder und rufst stöhnend:  ‚Oh my god!’“

Aber Spaß beiseite:  Am Donnerstag reisten gegen 11.00 Uhr in Cropredy an. Der Himmel war wolkenverhangen, und die
Autos stauten sich bis zur Strasse nach Daventry. Da aber die wenigsten der Fahrzeuge den Campingplatz ansteuerten, konnten
wir dennoch gegen 11.45 Uhr auf „Field 1“ unser Zelt aufschlagen. Praktischerweise hatten wir die Stangen unserer Behausung
am Tag zuvor nach einem Probeaufbau beschriftet, um uns nicht, wie letztes Jahr, mit einer dreieinhalbstündigen Aktion
(die sogar vom lokalen Fernsehen gefilmt wurde) öffentlich zu blamieren. So stand also unser „Haus“ nach bereits nach
45 Minuten – nur etwa 5 Gehminuten von der Bühne entfernt. Wir konnten eigentlich guter Dinge sein.

Aber dann fing es wie aus Eimern zu regnen an. Von blauen Flecken am Himmel war weit und breit nichts zu sehen.
In vier Stunden sollte es los gehen. Wir fuhren erst einmal mit dem Bus nach Banbury, zirka 6 Kilometer entfernt.
Ein Pint „Theakstons best Bitter“ für 1,05 Pfund und Fish & Chips mit Erbsen für 3 Pfund im „Wetherstone“ –Pub waren ein
wenigstens kleiner Trost für die feuchten Aussichten. Bei der Rückfahrt nach Cropredy schüttete es immer noch.
Die Zugangswege zum Festival waren mittlerweile eine einzige Schlammwüste.

Die Peggs aber scheinen einen Draht zu „dem da oben“ zu haben. Als nämlich um 17.00 Uhr die erste Band auf der
Bühne stand, hatte es pünktlich zu regnen aufgehört, und daran änderte sich den ganzen Abend nichts mehr.
Die Wege wurden zwischenzeitlich mit Heu oder kleinen Steinen ausgebessert.

Tarras, eine junge englische Band, mit geschmackvoller Mischung aus Folk, Blues, Jazz und amerikanischem Songwriterstil,
waren ein gut ausgesuchter Opening Act – mit Martin Allcock als Gast. Die Band überzeugte mich derart, dass ich mir gleich ihre
aktuelle CD zulegte. Sie ist an anderer Stelle rezensiert.

Unbestritten auf höchstem Niveau folgte Steve Ashley mit zahlreichen seiner Klassiker des englischen Folk, darunter
natürlich auch „Fire and wine“. Er wurde begleitet von Martin Allcock am Bass, Chris Leslie, Violine und dem
Gitarristen Al Fenn. „Maart“, der sich in Cropredy dieses Jahr wieder einmal, auch noch bei weiteren Auftritten, als
musikalisches Allroundtalent präsentierte machte wohl gerade eine „Uni-Phase“ durch.
Am Donnerstag war er ganz in Blau, am Freitag ganz in Rot gekleidet.

Kurz nach halb Acht trat lautstark begrüßt, bei herrlicher Abendsonne, das Dylan Project an. Das Quintett Steve Gibbons,
P.J. Wright, Gerry Conway, Dave Pegg und Simon Nicol  (im schwarzen Anzug) war in Hochform und hatte
einige neue Stücke im Repertoire, nämlich „Ballad of a thin man“, laut P.J. Wright ein weiterer bösartiger Song Dylans,
welche er persönlich wegen ihres Zynismus sehr schätze, „Going going gone“ aus alten Fairport-Tagen und „Dirty work“
aus der „Travelling Wilburys“ – Phase. Chris Leslie bei „When the ship comes in“ und Ric Sanders  („I’m a lonesome hobo“)
steuerten als Gäste gekonnte Geigensoli bei. Sanders benutzte für seinen Beitrag P.J. Wrights „Marshall Shredder Fuzz Box“,
und erzielte genau die Klangeffekte, die man bei solch einem Namen erwarten kann.
Das Dylan Project sucht übrigens immer noch den Namen des Einsenders (Adresse verlegt) des Coverentwurfs für das
aktuelle Livealbum. Das Bild ist ein gekonntes Remake des Covers von Dylans „Basement Tapes“.

Als aboluter Profi und Entertainer erwies sich zum Abschluß des ersten Tages der 71-jährige Lonnie Donegan mit 7-köpfiger
Band, darunter zwei Perkussionisten, einer davon der großartige Sticky Wickett. Donegan, der sich durch ein Repertoire seiner
zahlreichen Top-Hits spielte, erwies sich als durchaus fingerfertiger Gitarrist. Die Namen seiner Bandmitglieder konnten
leider nicht ermittelt werden. Der von mir in der Vorankündigung erhoffte Albert Lee war leider nicht dabei.
Die simple Grundstruktur der Lieder Donegans wurde durch zahlreiche instrumentale Feinheiten aufgepeppt.
Vor allem der Leadgitarrist gehört zur ersten Klasse. Skifflemusik ist Stimmungsmusik, und so kam sie auch herüber.
Demzufolge war sie auch nicht jedermanns Sache. Der Meinung eines Zeitgenossen aber, dass Lonnie Donegan
ein kleiner Wicht sei, der eine große Show abzieht, möchte ich mich nicht anschliessen. Ich fühlte mich, wie auch die
Mehrheit des teilweise laut mit singenden Publikums, sehr gut unterhalten und begab mich am Ende gut gelaunt zum Zelt zurück.

++++++
Lonnie Donegan

Dort genoss man noch bei sternenklarem Himmel ein Gute-Nacht-Bier.

Am Freitag stand ich morgens um Sieben auf und freute mich über einen strahlend blauen Himmel.
P.J. Wright hatte mir tags zuvor versprochen, es werde schönes Wetter geben.
Um 12.00 Uhr eröffnete das aus Deutschland stammende, seit 1977 existierende, Trio Sandwitch, mit der feinen Sängerin
Andrea Hallier den zweiten Tag. Sie und ihre beiden Begleiter Buddy Freebury und Gerrit Benjamins waren jahrelang
Stammgäste als Besucher des Festivals gewesen, und mit ihrem Auftritt wurde ein lang gehegter Traum erfüllt.
Sie überzeugten mit mittelalterlich angehauchtem Folk das frohgelaunte Publikum.

+++++
Andrea Hallier (li.)            Originale in Cropredy

Aus New York angereist war die Band Whirligig, verstärkt um Martin Allcock am Bass und den Drummer Roy Dodds,
den sie erst ein paar Tage vorher zum Proben kennen gelernt hatten. Geboten wurde eine sehr anspruchsvolle Mischung
aus rockigem und auch teilweise sehr getragenem Celtic Folk mit Einflüssen aus dem Jazz, der Klezmermusik und anderen Kulturen.
Bei langen Improvisationen erinnerten sie mich ab und zu an It’s A Beautiful Day.


Whirligig - warum so verbissen?

Die Vielfältigkeit wurde unter anderem durch
ein Medley aus einem finnischen Volkslied und einer Komposition von Irlands Folklegende Donal Lunny dokumentiert.
Mitglied von Whirligig ist u.a. Paul Kovit, Fairport-Experten als Regisseur des Films „It all comes ‚round again“ bekannt,
der sich zudem als Baseball-Fan outete. Während des Konzerts tummelte sich Dave Pegg im Publikum vor der Bühne.

++++++

Moderator des Festivals war der sehr witzige Keith Donnelly, der auch dieses Jahr wieder einen Auftritt als musikalischer Act,
mit Gästen, hatte. Ständig unterhielt er das Publikum mit flotten Sprüchen. Zum Beispiel erwähnte er ein Schild auf der
Autobahn M1, auf dem zu lesen sei:  „this sign is not yet in operation“. Auf schlechte Witze über Deutschland verzichtete er
dieses Mal. Stattdessen bekamen die Amerikaner ihr Fett ab:
„You can always tell Americans, but you can’t tell them too much.”
Zu den Gästen seines einstündigen Sets zählten Geiger Martyn Oram (musikalischer Partner von Walter Dieterle aus Metzingen,
Pächter der „Kulturkneipe Hirsch“ in Glems), Anna Ryder und Tochter, Gillie Derby und Chris Timms.
Zu Donnellys Programm gehörten skurrile Geschichten wie etwa „I’m bungie-jumping for Jesus, I’m just a
yoyo for the Lord“, oder das von Wortspielen geprägte „How I kneed you baby“..

Als Stammgäste freundlich begrüßt wurden Chris While und Julie Matthews, beide ja bekanntlich mit Albion Band – Vergangenheit.
Sie verstehen es großartig ihre beiden sehr unterschiedlichen Stimmen in ein gut gemischtes Programm aus rockigen und
balladesken Nummern ein zu setzen. Wundervoll an zu hören war das a capella vorgetragene „Should I sing or should I swim“.
„Bruciano’s Café“  (sic) widmeten sie, mit vielen Zitaten aus großen Hits, allen größen der Soul-Musik.
Kellie While, Tochter von Chris und derzeitige Stimme der Albion Band, intonierte mit ihrer Mutter „Blues on a red guitar“.
Den Abschluß des beifallumrauschten Konzerts bildete Julie Matthews’ „Jewel in the crown“.


Kellie While

Anschließend wurde auf der Bühne, in Anwesenheit zahlreicher beteiligter Musiker wie Martin Carthy,
John Kirkpatrick und Ashley Hutchings an einen Vertreter der Teenager-Krebshilfe ein Scheck in Höhe von 11.000 Pfund
übergeben. Dieser Betrag war aus dem Verkauf der CD „Heart of England“ bis dahin zusammen gekommen, für welche
viele Größen des englischen Folk und Folkrock ein Stück zur Verfügung gestellt hatten.

Am späten Nachmittag ging es mit astreinem Delta-Blus von Sugarland Slim weiter, einem Quartett, das auch schon
im Vorprogramm von Peter Green gespielt hatte. Dem rauen und rhythmischen Blues fehlte leider mangels Schlagzeug
der letzte Kick. Dennoch eine sehr gute Band.

+++

Definitiv nicht folkig  -  nur beim Anhören der Texte kommen die Ursprünge zutage – zeigte sich Eliza Carthy, Tochter des erst
kürzlich für seine Verdienste um die englische Folkmusik geadelten berümten Vaters, mit ihrer Band, die einen breit
gefächerten Stil aufbieten kann. Zwischendurch sang sie auch ganz allein, sich selbst auf der akustischen Gitarre begleitend,
oder nur vom Akkordeon unterstützt. Als ihr Vater auf die Bühne kam, fragte sie ihn: „My dear daddy, do you like it?“,
und er antwortete, wohl nicht ganz ernst gemeint: „No, it’s rubbish“. Eliza Carthy wäre ein großer kommerzieller
Erfolg zu wünschen, wenngleich ihre Musik nicht so poppig ist, dass man ihr Chartserfolg prophezeien könnte.

Mit Spannung erwartet wurde die indische Band Musafir aus der Wüstenprovinz Rajashtan im Nordwesten des Landes,
Herkunftsgebiet von Zigeunern und fahrenden Musikern. Die Atmosphäre war knistern, als sich die Musiker am hinteren
Ende der Bühne hinkauerten und mit für Cropredy völlig fremden Tönen zu musizieren begann. Das Publikum verhielt sich
mucksmäuschenstill, und immer wieder sah man Leute zum Nachbarn hinüberäugen, um eventuell dessen Einstellung
zur Musik aus der Miene herauslesen zu können. Hameed Khan ist der Kopf der Band und ein erstklassiger Tabla-Spieler.

++

Er hat auch schon mit V.M. Bhatt  (Ry Cooder) zusammen gespielt. Zu den gespielten Instrumenten gehörten die „double flute“,
das „sarangi“ und das „dholak“ (eine Art Harmonium). Nach und nach ging der betörende rhythmische Drive der Musik
trotz der ungewohnten Klänge und Harmonien einem Großteil des Publikums ins Blut über, und es kam Leben in die Leute, die
jetzt sogar mitklatschten.


Musafir
+

Der Auftritt einer bezaubernden Schönheit als Tänzerin musste leider auf  das sonst übliche Beschwören einer
Kobra verzichten. Da hatten wohl die englischen Sicherheitsbehörden Bedenken. Feuerschlucken jedoch war erlaubt.
Artistischer Höhepunkt war der Auftritt eines wahrhaften Akrobaten in rosafarbenem Kleid. Zunächst balancierte er auf einem
auf seinem Kopf stehenden Wasserglas einen großen Tonkrug und später ein riesiges Wagenrad und tanzte dazu.
Als er dann noch mit nackten Füssen gleichzeitig auf Gläser stieg und diese zertrümmerte, wusste man, dass man
etwas Außergewöhnliches miterlebt hatte.
Mit lautstarkem Beifall verließen die Inder die Bühne.

Den Abschluß des Freitags bildete die irische, seit 1974 bestehende, Folklegende De Danann. Sie sorgten mit unzähligen
Jigs & Reels für Tanzlaune. Frankie Gavin ist mit Sicherheit einer der besten Geiger der Szene. Zum Repertoire gehörte
auch eine interessante Interpretation des Beatles-Klassikers „Hey Jude“, außerdem noch „Wild Mountain Thyme“ (gleich 2x gespielt)
und „Scarborough Fair“. Andrew Murray ist ein enorm stimmgewaltiger Sänger. Cropredy-Stammgast Geoff Hughes  -
auch schon Moderator gewesen – trat zum Bodhran-Duell mit Colm Murphy an. De Danann hinterließen um Mitternacht ein
zufriedenes Publikum, das einen von viel Sonnenschein geprägten zweiten Festival-Tag genossen hatte. „Forever Young“
hatte sich gar einen schmerzhaften Sonnenbrand an den Knöcheln zugezogen.

Am Samstag nieselte es vormittags leicht, und man begab sich um halb Zwölf mit Regenjacke bekleidet aufs Gelände.
Als um 12.00 Uhr Chuckletruck die Bühne betrat hörte es jedoch, wie bestellt, auf.

Die Coverband aus Banbury, welche Dave Pegg auf einer Geburtstagsfeier gehört und gleich verpflichtet hatte,
spielte die richtige Musik zum Wachwerden -. Rock’n Roll („No particular place to go“), Beatles, eine
Tina Turner – Parodie mit Perücke, „Walk of life“ von den Dire Straits mit dem 12-jährigen Sohn des Sängers an den
Keyboards und witzige Sprüche ohne Ende waren der richtige Adrenalinstoss an diesem grauen Tag.

+++

„We’re gonna introduce our drummer to you“, sagte der Sänger, drehte sich um, zeigte mit dem Finger auf ihn und sagte schlicht:
„it’s him“. Später gab er zu, dass er vor diesem für ihn großen Auftritt auf diesem festival gerne ein paar Kilo abgenommen hätte,
dass er aber Probleme mit seinen Füssen habe. Er bekomme sie einfach nicht aus der Pommes-Bude heraus.
Der Lacherfolg war ihnen sicher, auch als sie eine Heavy-Version der Osmonds-Nummer „Crazy horses“ intonierten.

Weitaus seriöser ging es ab 13.15 Uhr, leider nur für 50 Minuten und ohne Zugabe, weiter. Vikki Clayton, in ein grelles rotes
Kleid gehüllt, stellte mit ihrer Band mehrere Stücke ihres neuen Album „Looking at the stars“
(Besprechung an anderer Stelle) und einige Klassiker ihres Repertoires vor.

+++++
Vikki Clayton                                 Birgit Schellhorn

Nach mystischen Klängen zu Beginn groovte die Band teilweise unwiderstehlich. Fred Baker erwies sich wieder
einmal als Weltmeister der Bassgitarre, und Liam Genockey  (Ex-Steeleye Span) war sein kongenialer
Partner am Schlagzeug. Chris Conway lieferte interessante Soli auf  verschiedensten Instrumenten. Dramaturgischer Höhepunkt
war das 12-minütige „Anne of Lochroyan“, eine Geschichte über eine Hexe, die sich in die Gestalt ihres Sohnes
verwandelt und dafür sorgt, dass dessen Geliebte, mit dem gemeinsamen Sohn vor der Tür ausgesperrt  glaubt,
er habe eine neue Frau und verstosse sie jetzt. Woraufhin beide sterben. Mit dabei war auch Birgit Schellhorn,
ehemals Sister Moon und mittlerweile Ehefrau von Fred Baker.

+++
Chris Conway                                         Fred Baker

Als der Sohn dies’ erfährt, sorgt er für den Tod seiner Mutter.
Schier unglaublich war es, wie Fred Baker diesen grausamen textlichen Inhalt mit wilden Bassläufen
und –soli untermalte. Vikki Clayton konnte sich nach ihrem Konzert vor CD-Käufern,
die ihr Exemplar signiert haben wollten, kaum noch retten.

Die Tanzwut des Publikums förderte am frühen Nachmittag eine tolle Band namens Five Furious Fish, die leider im Moment
keinen Plattenvertrag hat. Ihr elektrischer Folk mit Einflüssen der Reggae- und Cajunmusik sorgte für mächtig Stimmung.
Der Gitarrist brillierte mit vielen Effekten. An der Violine war Simon Swarbrick, Neffe eines berühmten Onkels zu hören.
Nicht zu leugnen ist sein Stammbaum, wenn man sich seine Gesichtszüge betrachtet.


Simon Swarbrick

Dave Swarbrick saß währenddessen im WOODWORM-Zelt, machte Witze und signierte CDs.

Sehr viel Werbung für seine aktuelle CD machte durch Plakate Francis Dunnery, ehemals Kopf der Hitband It Bites.
Dunnery ist eine erstklassiger Sologitarrist (auch auf der Akustischen) und spielte minutenlang mit Bassist Matthew Pegg,
der unzweifelhaft sehr viel von seinem Vater gelernt hat, um die Wette – „Matt is battling for the girls. I’m battling for the man“

+++
Francis Dunnery     Matt Pegg

Die anspruchsvolle Musikmischung des Auftritts wurde durch elektronischen Rhythmus begleitet und hatte einen Touch von
Yes und Genesis. Mit „Riding on the back“ hatte man auch eine Swing-Nummer zu bieten.

Heimlicher Held vieler Gitarristen ist Amos Garrett, der auf unzähligen Platten amerikanischer berühmtheiten die Saiten zupfte.
3 Jahre lang gehörte er beispielsweise zur Butterfield Blues Band. In Cropredy ließ er sich von Drummer Ted Mc Kenna
(ehemals Rory Gallagher), Bassist Alan Thomson und dem zweiten Gitarristen Jim Condie begleiten.


Amos Garrett

Entsprechend der Tatsache, dass er jahrelang in der Chicago-Szene aktiv gewesen war, bot Garrett mit seiner Band einen
Stilmix zwischen Funk und Blues mit unzähligen feinen Gitarrensoli, die er so cool hinlegte, als seien sie ein Kinderspiel.
Wunderbar war seine Version des Instrumentalklassiker „Sleepwalk“, u.a. durch den Film „La Bamba“ bekannt geworden.
Norma Waterson und Chris While bewunderten Garrett vor der Bühne sitzend.

Ehe als vorletzte Gruppe Brass Monkey auftrat wurden die Preise des „Hokey Pokey Raffles“, das 5.000 Pfund für
eine Schule für Körperbehinderte einbrachte, verlost, darunter 3 handsignierte Gitarren, Bilder von
Sandy Denny und Anna Ryder und viele CDs. Brass Monkey spielten einen sehr urtümlichen, traditionellen Set, wobei
Martin Carthy mit seiner rhythmisch hart angeschlagenen Gitarre und John Kirkpatrick an der „Quetsche“ die
maßgeblichen Instrumentalisten waren. Publikumsfavoriten waren „Reynard the fox“ und „Riding down to Portsmouth“.

Und dann kam als Krönung des Ereignisses, dramaturgisch von Band mit einem neuen Instrumental eingeleitet,
der Auftritt der “größten Folkrock-Band aller Zeiten”, was Fairport Convention an diesem Abend wieder einmal
nachdrücklich unter Beweis stellte. „Rocky road“ war dieses Mal der Opener, gefolgt von dem Instrumental alter Tage,
„The Hexhamshire Lass“ und dem Mitsing-Klassiker „Walk awhile“. Erste Gäste waren Vikki Clayton, die „Crazy man Michael“
sang, und Martin Allcock, der ein herrliches Gitarrensolo spielte.


Vikki Clayton


 Maart

Dann durfte Dave Pegg Pinkelpause machen,
und Gründungsvater Ashley Hutchings steuerte zu „Tam Lin“, an das sich Simon Nicol immer noch nicht traut
(er überließ es wie schon 1997 Vikki Clayton), seine typischen Bassläufe bei.

++++++
Dave Pegg, Ric Sanders, Gerry Conway

Dann wurde Steve Tilston auf die Bühne gebeten, und zusammen mit dem nach vorne kommenden und Perkussion
spielenden Gerry Conway, Dave Pegg und Martin Allcock brachte er im Quartett seine Version von „The naked highwayman“.
Für viel Amüsement sorgte anschließend eine witzige, zusammen mit der kompletten Band vorgetragene Version von
„It’s now or never“, bekanntlicherweise eine alte italienische Melodie namens „O sole mio“.
Anna Ryder kam dazu, und garnierte die Rock’n Roll Nummer „Madeline“ mit  Cajun-Akkordeon. Diese, und auch
die nächsten beiden Stücke „My love is in America  (mit Chris While und  Julie Matthews als Gästen) und „The crowd“
(mit Bläsersatz) werden auf dem neuen Fairport-Album, das vermutlich Ende des Jahres erscheint, zu finden sein.


 Chris While & Julie Matthews

Letzteres hat Anna Ryder geschrieben, und der Text (im Programmheft abgedruckt) ist eine Huldigung an das Publikum
in Cropredy. Es wurde mitgeschnitten, und diese Live-Aufnahme soll dann angeblich auf die CD. Freundlich begrüßt wurde die
alte Dame des Folk, Beryl Marriott, zusammen mit Ehemann Roger.

++++++
Chris Leslie, Simon Nicol, Ashley Hutchings

Sie spielte „Whelan’s Jigs“, „Isle of Man Medley“ und „The big strong lad“. Dave Pegg hatte sie angekündigt mit der
Behauptung, daß die Fairporter alles, was sie zu bieten haben, von ihr übernommen hätten, er zum Beispiel sein
Trinkproblem. Lautstark umjubelt wurde der Auftritt von Dave Swarbrick, den Beryl Marriott ansagte.
Er sei schon als 16-jähriger ein Hänfling gewesen, und sei es jetzt immer noch. Beim Auftritt der Tom Connelly Dancers
(diesmal nur zu sechst) strahlte Swarbrick vor Freude. Nach Swarbricks Eigenkomposition
„I left my heart in New South Wales“ und “Lark in the morning”, beide ebenfalls mit Beryl Marriott am Piano, war
Fairport wieder alleine auf der Bühne und  spielte die beiden neuen Leslie-Stücke „The happy man“, ein Morris-Tune
aus Adderbury, und das sehr rockige „The light of day“. Und schon folgte der nächste Gast:  Ian Anderson.

Sie spielten die Fairport-Version von „Life is a long song“ (Pegg sang zwei Strophen), und Anderson sagte, sie hätten
es mittlerweile zu ihrem eigenen Stück gemacht, was o.k. sei, solange die Finanzen stimmten. Ric Sanders verkündete dann
voller Stolz, dass für die neue CD, mit Anderson als Gast, eine neue Version von „Portmeirion“, die sie dann auch vortrugen,
eingespielt werde. Martin Allcock kam dann als Gitarrist hinzu und brillierte in „John Barleycorn“, „Someday the sun won’t
shine for you“ (herrliche Bluesgitarre), „Serenade to a cuckoo“ und dem sehr heavy gespielten „Locomotive breath“
(ohne Piano-Intro). Vor dem großen Finale wurde dann mit „The Hiring Fair“ die Stimmung noch einmal herunter gefahren,
ehe „Matty Groves / Dirty Linen“ und „Meet on the ledge“ für den wehmütigen Abschluß sorgten.
„Jetzt müssen wir wieder ein Jahr warten“, sagte am Schluß mein Kollege Roland, und nicht nur mir stand wieder
einmal das eine oder andere Tränchen in den Augen.

Der diesjährige Fairport-Auftritt wurde später übrigens als  DVD-Video veröffentlicht.