Es ist immer problematisch, Vergleiche anzustellen,
da die meisten Künstler ja doch irgendwo eine eigene Note und Reputation
haben. Stelle ich jedoch jemanden vor, den in Deutschland wohl kaum jemand
kennt, so ist es fast unvermeidlich.
Sarah Jory, 31 Jahre alt, ist eine großartige
Pedalsteel-, Slide- und Leadgitarristin, und in jedem Moment ihres Auftretens
ist spürbar, daß sie von Kind auf Musikerin von ganzem Herzen
ist. Wer die Musik von z.B. Mary Chapin Carpenter, Lucinda Williams oder
Bonnie Raitt gerne hört, wird Sarah Jory auf jeden Fall schnell in
sein Herz schließen, zumal sie außerdem eine optisch ausgesprochen
angenehme Erscheinung ist.
Die 5 mir vorliegenden Tracks ihrer Live-CD
von 2000 präsentieren eine sehr rockige, gut aufeinander eingespielte
Band. Das Country-Element kommt, zumindest auf diesen Stücken, kaum
zur Geltung. "Baby Tonight" ist gitarrenbetonter (außer ihr
noch der hervorragende, nicht mehr zur Band gehörende Tim Slater)
Rock, melodiös und mit einfallsreichen Breaks.
In "Come With Me" tritt, eingeleitet
von einem Drum-Intro, ihre schön eingesetzte Pedalsteel in den Vordergrund.
Sie hat einen härteren Anschlag, als man von der Countrymusik gewohnt
ist, ähnlich Keith Buck, der langjährige musikalische Partner
von Sally Barker.
"Night Train" ist ein mitreißendes,
zum Mitschnippen anregendes, Bluesrock-Instrumental, mit zahlreichen Soli
der Pedalsteel, der Leadgitarre und des Klaviers. Herrlich ist die Passage
gegen Schluß, als die Musik immer leiser wird, ehe sich plötzlich
alles wieder steigert und in ein furioses Finale mündet.
"Guilty Of Loving You", eine klavierbetonte
Ballade, erinnert ein wenig an Leo Sayers "When I Need You". Obwohl ein
Slowsong, so setzt doch das punktierte Schlagzeug einen rockigen Akzent.
Wunderbar auch hier ein sehr schönes Solo auf der Pedalsteel.
"Closer And Closer" ist dann ein
astreiner, vom Boogie-Woogie-Piano eingeleiteter shuffelnder Bluesrock.
Ich sehe schon das Cropredy-Publikum am Freitagnachmittag vor mir, wie
nach und nach auch der letzte vom Vorabend noch müde Musikfan, mitgerissen
von diesem anregenden Rhythmus, verfeinert mit herrlichen Soli, endgültig
wach wird.
Kiss
My Innocence
(1999, promotional copy, 6 Tracks)
Die 6 mir vorliegenden Beispiele aus Sarah
Jorys letztem Studioalbum bieten im Vergleich zum Live-Mitschnitt ein breiteres
musikalisches Spektrum.
Schon allein das schöne Akusikgitarren-Intro
zur Coverversion von John Lennons "Jealous Guy" macht einen Unterschied.
Auffällig aber auch hier, neben einer wirklich geilen Hammond-Orgel,
bundlosem Bass (Tony Kämpf) und der angenehmen Stimme Sarah Jorys,
die gute Arbeit an der Leadgitarre.
"Stay The Night" ist "Good Time Shuffle
Music"
in Countryrock-Manier mit leichtem Cajun-Feeling. Sarah Jorys Stimme erinnert
hier ein wenig an Kim Wilde.
Sehr gut kommt das eingebaute Twang-Gitarrensolo.
"Wound I Bleed" passt, mit Streichorchester
und vom Piano dominiert, nicht ins Gesamtbild des bisher Gehörten.
Auffällig ist auch hier der bundlose Bass.
Eine Ballade, die wohl in Richtung Charts
schielt.
"Rhythm In The Rain" würde perfekt
auf jede Scheibe von Mary Chapin Carpenter passen, und das ist als Kompliment
gemeint. Nach einem kurzen Mandolinen-Intro, kommen ein melodiöser
Basslauf, groovige Drums, und das Piano setzt dezente Tupfer.
"Last Horizon", ein romantisches
Instrumental, geprägt von herrlicher weinerlicher Pedalsteel und Keyboards,
weckt Erinnerungen an die Schlußnummer des Films "La Bamba" - das
wunderbare "Sleepwalk" von Santo & Johnny. Integriert ist hier wieder
ein sehr schönes E-Gitarrensolo.
"Knock On Wood" zeigt die soulige
Ader, sowohl instrumental (mit Bläsern und grooviger Rhythmusgruppe)
als auch stimmlich. Sarah Jory spielt im Mittelteil ein unwiderstehliches
Slidegitarrensolo. Eine gekonnte Coverversion eines uralten Soul-Klassikers.
Als Resümée der mir vorliegenden
beiden CDs darf festgestellt werden, daß mit der Sarah Jory Band
Musiker zu Werke gehen, die sich nicht darum bemühen, in irgendeine
Schublade gesteckt zu werden. Vielmehr spürt man den Willen, einfach
nur Musik zu machen, die ihnen Spaß macht.
Und den werden wir in Cropredy als Publikum
bestimmt auch haben.